Konzeptionelle Idee und ihre Grenzen

Warum ist es ökologisch vorteilhaft, wenn Produkte reparierbar sind? Sollten Produkte nicht so designt sein, dass sie gar nicht erst repariert werden müssen? Dieser Gedankengang ist völlig richtig und Designer:innen sollte sich diese Frage auch stellen. Trotzdem ist Design für Reparierbarkeit aus ökologischer Sicht hilfreich:

  • wenn das Produkt mechanische Produkt­komponenten aufweist, bei denen ein gewisser Verschleiß während der Produkt­nutzung unvermeidbar ist. Der einfache Austausch dieser Verschleißteile ist unmittelbar verbunden mit der technischen Lebensdauer des Gesamtproduktes. Ohne Austauschmöglichkeit wäre die Lebensdauer der Verschleißteile begrenzt.
  • wenn Produkte oder Produktteile ausversehen beschädigt werden. Eine Reparatur kann dem vorzeitigen Ende des Produktlebens vorbeugen, sodass der erneute Ressourceneinsatz für die Herstellung eines Ersatzproduktes vermieden werden kann.
  • wenn bei komplexen technischen Geräten die Möglichkeit offenbleiben soll, das Produkt technisch aufzurüsten oder an neue technologische Standards anzupassen. Reparierbarkeit kann so einen Beitrag zum Erreichen einer möglichst langen Nutzungsdauer leisten (siehe auch Langlebigkeit).

Grund­legende technische Prinzipien zur Gestaltung reparierbarer Produkte sind:

  • modularer Aufbau:Modularität ist eine der Grundsatzvoraussetzungen für die Reparierbarkeit eines Produkts. Die wenigsten Produkte bestehen aus einem einzigen Teil. Vielmehr ist ein Produkt oft ein Zusammenschluss verschiedenster Produktkomponenten, die durch ein modulares Design voneinander getrennt repariert und entsorgt werden können.
  • Nutzung lösbarer Verbindungstechniken:Produktkomponenten und Bauteile müssen für eine einfache Reparatur schnell und problemlos zu entnehmen sein. Das bedeutet auf unlösbare oder schwer zu öffnende Verbindungen, wie z.B Klebeverbindungen, Vernietungen oder Verschweißungen, zu verzichten. Besser ist es auf Klipp- oder Schraub- oder Steckmechanismen zurückzugreifen. Auch für das spätere Recycling des Produktes ist es relevant, dass Produktkomponenten einfach getrennt und entnommen werden können. Ist dies nicht der Fall, wird das Produkt in den meisten Fällen überhaupt nicht recycelt, denn in der Entsorgungspraxis gibt es keine Kapazitäten für aufwendige Demontagen.
  • Verwendung standardisierter/normierter Bauteile:Die Standardisierung von Bauteilen erleichtert es Reparaturen am Produkt selbstständig durchzuführen. Normierte Bauteile, wie z.B Schrauben und Stecker, sind zumeist vom Hersteller unabhängig und dadurch leichter für Reparaturdienstleister und Konsument:innen verfügbar.

Ein potenziell reparierbares Produkt allein reicht aber nicht. Es braucht auch Angebote und die Fähigkeiten zum Reparieren. Zentral sind Fragen wie: Gibt es Anbieter für häufig anfallende Reparatur­leistungen? Erhalten die Nutzer:innen Hilfestellungen, um Reparaturen selbst durchführen zu können? Sind Ersatzteile zu angemessenen Kosten verfügbar?

Die klassische Reparaturwirtschaft, in Form direkt vor Ort verfügbarer ­­qualifizierter Handwerksbetriebe vom Schuster bis zum Elektrofachmann, ist in den letzten Jahrzehnten fast flächendeckend ausgestorben. Nicht zuletzt, da die Produkte im Markt immer schlechter reparierbar wurden und unabhängige Reparaturanbieter immer schwerer an Ersatzteile herankamen. Deshalb ist es sinnvoll, dass reparierbare Produkte gezielt in Vermarktungs- und Nutzungsmodelle eingebunden werden, die auf existierenden Reparaturmöglichkeiten basieren.

Das kann ein Marketingmodell sein das Langlebigkeit und Service­freundlichkeit als besonders (Alleinstellungs-) Merkmal beinhaltet, wie es z.B. bei den hochpreisigen Haushaltsgeräten der Firma Miele der Fall ist. Ein fester Bestandteil des Konzepts ist ein weit gespanntes Netz qualifizierter Wartungs- und Servicezentren sowie das Angebot langlaufender Wartungsverträge.

Eine andere Möglichkeit besteht in der einfachen Bereitstellung von Ersatzteilen und Reparaturanleitungen im Internet durch den Hersteller. Dadurch wird entweder die Reparatur durch die Endkund:innen oder durch kleine unabhängige Reparaturdienstleister unterstützt. Ein gutes Beispiel ist die Webplattform kaputt.de, die Hilfestellungen zur Selbstreparatur, Werkstattsuche und Ersatzteilbeschaffung für Elektrogeräte bietet.

Auch das Konzept der sharing economy macht sich das Potenzial reparierbarer Produkte zunutze. Unter dem Schlagwort „Nutzen statt Besitzen“ lassen sich verschiedenste Geschäftsmodelle zusammenfassen, in denen Endkund:innen nicht das Produkt selbst, sondern die Möglichkeit zur Nutzung des Produktes erwerben, z.B. durch Miete, Leasing o.ä. Das Produkt verbleibt somit im Besitz eines gewerblichen Akteurs, der ein hohes Interesse an einer möglichst langen Nutzungsdauer seines Produktes hat und durch seine Marktmacht gegenüber dem Produkthersteller Reparierbarkeit und Ersatzteilversorgung einfordern kann.

Umweltbezogene Wirkungen der Reparierbarkeit von Polstermöbeln

Die umweltbezogenen Wirkungen von Reparierbarkeit decken sich weitgehend mit denen einer erhöhten Lebensdauer (siehe auch Langlebigkeit). Das folgende Beispiel für ein ökodesigntes Polstermöbel soll Designanforderungen und ihre Umweltwirkung illustrieren. Die Zahlen dienen zur Verdeutlichung und können sich mittlerweile geändert haben.

Basisdaten & mögliche Ökodesignanforderungen

In Deutschland werden jährlich mehrere Millionen Polstermöbel auf den Markt gebracht.

Für ein ökologisches Design von Polstermöbeln sollten verschiedene Anforderungen formuliert und realisiert werden:

  1. Anforderungen an die Reparierbarkeit / Verlängerung der Lebens- und Nutzungsdauer:
    • Die Instandhaltung und Reparierbarkeit wichtiger Gebrauchsteile soll problemlos möglich sein. Das heißt, die Polstermöbel werden so gestaltet, dass ein leichter Austausch der Polsterbezüge oder auch der Füße als Verschleißteile möglich ist. Durch einfache Mittel, wie durch Reiß- oder Klettverschlüsse, lassen sich beispielsweise die Bezüge austauschen oder waschen.
    • Auswahl stabiler, dauerhafter Grundkomponenten für das Möbel.Gleichzeitig heißt dies aber auch Auswirkungen auf das Geschäftsmodell des herstellenden Unternehmens zu überprüfen, da die Umsetzung dieser Anforderung bei einem gesättigten Markt an neuen Produkten zu weniger produzierten Möbeln führt. Hier könnten beispielsweise Ersatzteilangebote, Serviceleistungen, Refurbishment und Remanufacturing etc. eine Rolle spielen.
  2. Anforderungen an die Schadstoffhöchstgehalte (Schadstoffentfrachtung):
    • Die auf den Markt gebrachten Polstermöbel enthalten insbesondere im Schaum der Polsterung keine besonders besorgniserregenden Stoffe der Kandidatenliste von REACH. Dazu zählen beispielsweise Flammschutzmittel. Besonders besorgniserregende Stoffe werden auch als SVHC bezeichnet, was für „Substances of Very High Concern“ steht (siehe auch Problemstoffarmut).
    • Die auf den Markt gebrachten Polstermöbel enthalten keine glanzverchromten Bauteile. Hintergrund: Für diese Bauteile fallen bei Herstellung umweltproblematische Sonderabfälle an, die es zu vermeiden gilt.
  3. Anforderungen an Verringerung der Umweltlasten während der Entsorgung:
    • Holzrahmen u. ä. große Holzbauteile sind so gestaltet, dass sie im Rahmen der Vorbehandlung von den übrigen Bestandteilen getrennt werden können.
      Die Holzteile der auf den Markt gebrachten Polstermöbel dürfen keine Stoffe enthalten, die eine Altholzverwertung beeinträchtigen.
    • Die Bauteile der auf den Markt gebrachten Polstermöbel sind, bis auf definierte funktionale Ausnahmen, frei von halogenorganischen Verbindungen, wie z.B. chlororganischen Carriern in Textilien. Dies vermeidet die Bildung besonders giftiger Verbindungen bei der Müllverbrennung.
eigene Darstellung

Umweltwirkungen

Die ökologischere Variante des ansonsten gleichen Polstermöbels würde keine nennenswerten zusätzlichen (Umwelt-)Ressourcen beanspruchen, sondern fordert eine durchdachtere, aufwändigere Fertigung.

Nehmen wir an, pro Jahr wurden bislang 4 Millionen Standard-Sofa ohne oben genannte ökologische Anforderungen hergestellt und der Markt an neuen Produkten ist dadurch gesättigt. Nehmen wir weiter an, dass diese Sofas mit verbesserter Reparierbarkeit und Investition in Langlebigkeit im Vergleich zur Standard-Variante doppelt solange genutzt werden. Würden alle Unternehmen, z.B. aufgrund verpflichtender Ökodesignvorgaben das ökologischere Modell herzustellen, dann bräuchte es zukünftig pro Jahr lediglich 2 Millionen produzierter Sofas. Bei einem durchschnittlichen Gewicht von 62,5 kg pro Standard-Polstermöbel würde dies 2 Millionen* 62,5 kg = 125 Millionen Kilogramm pro Jahr an Ressourcen bzw. an Abfall durch zu entsorgende Sofas sparen. Als Standard-Polstermöbel soll, ein typisches Zweisitzer-Sofa verstanden sein, das sich wie folgt zusammensetzt (in Massenprozent): Holzrahmen 70 %, Stahlfedern 5 %, Polyurethan-Schaumfüllung 20 %, Polyesterwatte 3 % und Bezug 2 %.

Selbst wenn vorerst nur 10 % der bislang produzierten Sofas durch reparierbare, langlebigere Sofas ersetzt würden, könnten durch die dann nur 200.000 jährlich weniger zu produzierenden Polstermöbel 12.500 Tonnen an Ressourcen pro Jahr gespart werden. Gleichzeitig ergeben sich Umweltwirkungen in den Bereichen des kumulierten Energieaufwands (KEA) und der Treibhauswirkungen (GWP). Laut Ökopol könnten in diesem Fall dann ca. 0,3 Mio. GJ Primärenergie und 10.000 Tonnen CO2-Äquivalente bei der Produktion und Entsorgung eingespart werden.

Umweltlasten und Einsparpotenziale der Sofaherstellung pro Jahr bezüglich Standard-Polstermöbel und optimierter Polstermöbel | Ökopol, 2015

Darüber hinaus würden sich durch die formulierten Ökodesign-Anforderungen weitere Umweltentlastungswirkungen ergeben. Circa ein Viertel der herkömmlichen Sofas enthalten insbesondere im Schaum der Polsterung besonders besorgniserregende Stoffe.  Die geschätzte Belastung von 5-10 Massenprozent an umwelt- und gesundheitsgefährdenden Stoffen im Schaum könnte auf null reduziert werden, was zu einer Entlastung von ca. 1.000 Tonnen pro Jahr an Schadstoffen führen würde. Auch der Verzicht auf eine Glanzverchromung führt in den Herstellungs­ketten zur Vermeidung relevanter Mengen sehr umweltproblematischer Sonderabfälle.

Mit Blick auf die spätere Entsorgung führt ein Ökodesign ebenso zu positiven Effekten. Wird eine stoffliche Verwertung des Holzrahmens der Sofas ermöglicht, würde z.B. die Ressource Holz geschont. Nicht derart verwertete Holzmengen könnten aufgrund der geringeren Schadstoffgehalte z.B. einer effizienten Energienutzung zugeführt werden. Bislang werden die kompletten Sofas meist in der Müllverbrennungsanlage verbrannt, wodurch keine effiziente Nutzung der im Holz gespeicherten Energie stattfindet. Der drastisch reduzierte Gehalt an halogenorganischen Stoffen würde prinzipiell den Rauchgasreinigungsaufwand in den thermischen Entsorgungsanlagen reduzieren, da das Potenzial zur bei der Verbrennung entstehenden hochgiftigen Dioxinen und Furanen im Abfallgemisch verringert wird.